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Kino im Kopf: 60 Jahre "Psycho" von Alfred Hitchcock

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Am 16. Juni 1960 hatte der Film „Psycho“ von Alfred Hitchcock Premiere in den US- Kinos. Auch 60 Jahre danach fasziniert vor allem seine suggestiv kunstvolle Duschszene
Von Ebba Hagenberg-Miliu

Als ihre zitternde Hand mit gekrümmten Fingern im Badezimmer über die weiße Kachelwand herunterrutscht, ist die junge blonde Frau im Zimmer Nr. 1 des Motels schon am Sterben. Ein letzter verzweifelter Griff nach dem milchigen Duschvorhang lässt seine Halter schnappend aus den Ösen springen. Im Abguss der Zelle sammeln sich weiter Ströme dampfenden Wassers, in die sich immer mehr Rinnsale von Blut schlängeln. Mit aufgerissenen gebrochenen Augen fällt der Kopf der blonden jungen Frau, die sich eben noch so wohlig unter dem Wasserstrahl abgeseift hatte, auf den Duschrand. Hinter dem Vorhang und damit ihm Rücken der Frau hatte der gebannte Zuschauer von Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ von 1960 mit Schrecken eine wohl weibliche Gestalt gesehen, die sich langsam der Duschzelle näherte.

Dann hatte ein gellender Schrei die Wände beben gemacht: Die zu Tode erschrockene Blondine hatte das Brotmesser wahrgenommen, das plötzlich mit schmatzenden Geräuschen in ihren schlanken Körper einstach, immer und immer wieder. Der Frau aus Gästezimmer 1 des verlotterten Motels fern des Highways blieb keine Chance. Nach 45 Sekunden Todeskampf schlug ihr Körper auf dem Duschboden auf. Drei Minuten, die das Blut der Zuschauer gerinnen ließen, hatte diese berühmte Szene der Filmgeschichte insgesamt gedauert. Sieben Tage lang war sie in intensiver Detailarbeit gedreht worden. 78 verschiedene Kameraeinstellungen und danach 52 Schnitte waren nötig gewesen, um dieses Kunstwerk der Filmgeschichte zu schaffen. Untermalt war die Szene von der legendären Musik des Filmkomponisten Bernard Herrmann, dessen stakkatohaftes Streicherstück „The Murder“, also der Mord, bald zu den bekanntesten Themen der Filmmusikgeschichte gehören und später in unzähligen Filmen zitiert werden sollte.  

Die kleine Sekretärin Marion Crane, die für ein Leben mit ihrem Geliebten Geld unterschlagen hatte, war auf der Flucht vor ihrem Chef in einem Motel Opfer einer brutalen Messerattacke geworden. Und damit war schon nach einer spannenden halben Stunde der Star des Filmklassikers auf der Leinwand abgetreten. Janet Leigh war bei den Dreharbeiten Ende 1959 eine 32-jährige A-Schauspielerin der US-Filmstudios. Sie hatte für diese Rolle die höchste Gage im Stab, glatte 100.000 Dollar, verhandelt. Doch ihr brüsker Abschied schon eine gute Stunde vor Filmschluss musste die Zuschauer verwirren. Er verstieß grob gegen die Sehgewohnheiten.

Die übrigen zwei Drittel in diesem Psychothriller musste das Publikum mit einem damals noch unbekannten Theater- und TV-Schauspieler Vorlieb nehmen. Der 27-jährigen Anthony Perkins sollte als Darsteller des schizophrenen Mehrfachmörders Norman Bates nur einen Bruchteil von Leighs Gage bekommen, aber mit dieser Bombenrolle im Nu Weltruhm erlangen. Leigh wiederum sollte für ihre Rolle einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin einstreichen.

Aber beim US-amerikanischen Filmstart am 16. Juni 1960 rannten ein paar Zuschauer schreiend aus den Kinosälen heraus. „In dem Moment, in dem der Vorhang sich öffnet und er zusticht, kam ein langanhaltender Schrei aus dem Publikum“, erzählte Peter Bogdanovich, selbst Regisseur, später im Rückblick über die „Psycho“-Rezeption. Zum ersten Mal in der Geschichte des Films habe man sich im Kino nicht mehr sicher fühlen können: Die suggestive Duschszene hatte sich den Menschen ins Hirn gehämmert, obwohl die brutale Handlung selbst eigentlich in keiner Sequenz zu sehen war. Großmeister Alfred Hitchcock hatte auf seine unnachahmliche Art bloß das Kopfkino seiner Zuschauer befeuert. Das aber umso unerbittlicher.

Und dazu war Janet Leigh, der Star, schon nach einem Filmdrittel `raus aus dem Spiel.  „Als ich mittags auf den Times Square hinaustrat, hatte ich das Gefühl, vergewaltigt worden zu sein“, schilderte Bogdanovich seine eigenen Gefühle nach dem Kinobesuch. Ein anderer Großer im Filmgeschäft, der französische Regisseur Francois Truffaut, beschrieb „Psycho“, das Meisterwerk des großen Hitchcock, im Zeitraffer folgendermaßen: „Die ganze Konstruktion des Films kommt mir vor, als steige man eine Art Treppe der Anomalie hinauf: zuerst ein Beischlaf, dann ein Diebstahl, dann ein Mord, zwei Morde und schließlich Geisteskrankheit.“

Die Rechte an der Originalstory hatte sich der 1899 in im Londoner East End als Sohn eines Gemüsehändlers geborene „Hitch“ von einem mäßig bekannten Autor gesichert. Dieser Robert Bloch hatte 1959 sein Buch „Psycho“ nach dem regionalen Mordfall des Frauenmörders Ed Gein gestrickt: Und er ahnte nicht, dass er die Buchrechte für nur 9.000 Euro an einen als geizig berüchtigten, weltbekannten Regisseur vergab, der aus dem Film hernach das damals unglaubliche Einspielergebnis von 50 Millionen Dollar herausschlagen konnte. Der korpulente Anzugträger mit dem auch im US-Filmgeschäft schrägen englischen Humor wurde durch „Psycho“ reich.

Dabei war der Mann, der in den 1920er Jahren sein Handwerk in Berlin-Babelsberg bei den deutschen Regiegrößen Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang gelernt hatte, 1959 mit seiner Projektidee „Psycho“ bei den US-Filmbossen erst einmal abgeblitzt. Der Plot sei unsittlich und habe nichts in US-amerikanischen Kinos zu suchen, ließ man „Hitch“ ausrichten. So beschloss der 60-Jährige, der gerade die Kassenschlager „Vertico“ und „Der unsichtbare Dritte“ abgedreht hatte, „Psycho“ auf eigene Faust zu realisieren. Die auch für 1959 bescheidene Summe von 800.000 Dollar für die Produktion trommelte er selbst zusammen. Der Streifen musste billiger in Schwarzweiß gedreht werden, was den Vorteil hatte, dass das Blut in der Duschszene für die zu befürchtende Zensur nicht zu realistisch herüberkam. Am „Psycho“-Stoff gefiel „Hitch“ vor allem die überraschende Ermordung der Hauptfigur, die die Story plötzlich in eine ganz andere Richtung drehte. Dem Kollegen Truffaut erklärte er später einmal: „Ich denke, genau dieser plötzliche und unerwartete Mord in der Dusche reizte mich an der Geschichte am meisten.“

Mit weiser Voraussicht ließ Hitchcock alsbald alle greifbaren Exemplare des Robert-Bloch-Krimis aufkaufen. Niemand sollte das Filmende ahnen können. Sein Projekt lief für die Öffentlichkeit unter dem Codenamen „Production 9401“. Die gesamte Crew war zum Stillschweigen über die Handlung und die Besetzungsliste verdonnert. Auf keinen Fall durfte herauskommen, dass dieser Norman Bates in Wirklichkeit schon vor langer Zeit seine Mutter aus Eifersucht auf einen ihrer Liebhaber ermordet hatte. Seither glaubte Bates, ihre Stimme im Kopf zu hören. Sie befahl ihm, alle Frauen in seiner Nähe umzubringen. Mit der Besetzung des jungen Anthony Perkins veränderte Hitchcock die Figur des geisteskranken Sohns vom fettleibigen älteren Säufertypen des Buchs in einen schlaksigen jungen Mann. Irrsinn flackert im Blick dieses Norman auf, wenn er in seiner schimmeligen Rezeption aufschaut. Perkins gibt ihn unscheinbar und nur subtil bedrohlich, wie er da gedankenversunken und Kürbiskerne kauend seine ausgestopften Vogelfiguren streichelt – und im Keller des Geisterhauses auf dem Hügel die Leiche seiner ermordeten Mutter hortet.

Für diese Frau Mama hatte der clevere Regisseur am Set auch immer einen Stuhl mit dem Schild „Mrs. Bates“ aufgestellt. Neugierige Journalisten rätselten krampfhaft, wer wohl von den alternden weiblichen Filmstars die Rolle von Normans Mutter übernommen hatte. „Hitch“ selbst pflegte die Spekulationen mit Spaß zu befeuern. In einem fast komödiantisch aufgemachten Vorfilm gefiel sich der Mann mit dem markanten Doppelkinn zudem, die potentiellen Zuschauer von „Psycho“ an die verschiedenen Drehorte zu führen. In seiner typisch langsamen Sprechweise erläuterte das behäbige Schwergewicht mit sichtlichem Vergnügen, dass das doch ein ganz harmloses Motel sei und dort oben auf dem Hügel am Fenster offenbar die Mutter des Motelbesitzers herunterschaue. Teils Gänsehaut erzeugende, teils bieder heitere Komödienmusik erklingt. Der große Meister ist in seinem Element.

Zwischendurch schiebt er einmal etwas wie Mitleid mit dem Sohn des Hauses ein: Wie solle sich ein Junge auch gesund entwickeln, wenn er von einer herrischen Mutter über Jahre herumkommandiert worden sei? Norman Bates sagt es im Film selbst flackenden Blicks ein wenig anders: Die größte Liebe eines Mannes sei seine Mutter. Was dem Publikum eisige Schauer über den Rücken jagt. Im Gästezimmer Nr. 1 klappt Hitchcock im Vorfilm sogar die Toilette auf. Er hatte sich im fertigen Film erlaubt, zu zeigen, dass deren Spülung betätigt wird – ein absoluter Tabubruch im damaligen prüden US-Kino. Den das englische Schlitzohr aber grinsend damit zu begründen pflegte, dass seine Hauptfigur in der Toilette Beweismittel zu vernichten versucht. Die Toilette spielte also eine wichtige Rolle. Vorsichtig schiebt der Regisseur im Vorfilm auch den milchigen Vorhang der Dusche zur Seite, um sich dann doch grausend abzuwenden. „Sie sollten das Blut sehen, das hier floss“, murmelt der gewichtige Herr bedeutungsschwanger.  

„Pünktlich kommen … nichts verraten!“, hieß es also ab dem 16. Juni 1960 in den US-Ankündigungen des Kassenschlagers und ab dem 7. Oktober 1960 auch in deutschen Kinos. Es sei notwendig, dass sich die Leute diesen Film von Anfang an anschauten, ließ Hitchcock verbreiten. Die Manager der Kinos seien unter Bedrohung ihres Lebens angewiesen, nach dem Filmstart niemandem mehr das Betreten des Theaters zu gestatten. „Unberechtigte Versuche, durch Seitentüren, Feuerschutztüren oder Lüftungsschächte einzudringen, werden mit Gewalt beantwortet“, wurde in typischer Hitchcock-Manier ausgehängt. Der Sinn dieser außergewöhnlichen Richtlinien sei es natürlich, dem Zuschauer zu helfen, mehr Gefallen an „Psycho“ zu finden. Zumal der vom Publikum in jedem seiner Filme schon sehnlichst erwartete Moment, in dem der Meister selbst kurz durchs Bild geisterte, in „Psycho“ schon ganz am Anfang lief. Und eben nach einer halben Filmstunde die blonde Vivien Leigh in die Dusche stieg.

Oder war es eher Marli Rentro, ein unbekümmertes Nacktmodell aus Dallas, das sich während der siebentägigen Drehtortur für die schließlich gerade mal dreiminütige Schlüsselszene unter den warmen Wasserstrahl stellte? Vivien Leigh hat zwar noch Jahre nach der Erfolgsproduktion beteuert: „Es fühlte sich an, als ob das Messer auf mich einstach. Es war so realistisch, so fürchterlich. Ich konnte es wirklich spüren.“ Nach dem Dreh dieser Szene habe sie lange nicht mehr ohne Furcht eine Duschkabine betreten. Recherchen von Journalisten ergaben aber in den letzten Jahren, dass das Brotmesser im weißgekachelten Badezimmer viel mehr auf das um einige Jahre jüngere Go-go-Girl hinunterstach. Das typisch schmatzende Geräusch erzeugte die Crew, indem sie Wassermelonen malträtierte. Als bestaussehendes Schwarz-Weiß-Blut gurgelte sämiger Schokoladensirup der Marke Bosco in den Abfluss. 
 
Leigh hatte gefürchtet, ihre Brüste seien zu schwer für die Aufnahmen und sich aus Sorge vor der Filmzensur fleischfarbene Badeanzüge auf den Körper schneidern lassen. So brachte der unzufriedene Regisseur kurzerhand ein Körperdouble zum Einsatz: für knappe 500 Dollar. Marli Rentro sollte im Jahr der Filmpremiere aber sofort auf dem Titel von Hugh Hefners Zeitschrift „Playboy“ landen und sich danach ihr Einkommen als „Bunny“-Hase im Männerclub des Millionärs und als Nackttänzerin in Las Vegas sichern können. Beim Dreh zu „Psycho“ hatte auch sie eine Vertraulichkeitsklausel unterzeichnet. Erst Jahrzehnte danach sollte die ehemalige Stripperin zugeben: „Jedes Stück Film, das nicht Janets Gesicht zeigt, zeigt mich - Hände, Füße, Beine, Rücken, Bauchnabel und auch den Hinterkopf.“ Dabei hatte sie 1988 sogar das Glück, für ihren Einsatz in der Duschkabine nicht noch wirklich ermordet zu werden. Ein obsessiver „Psycho“-Fan hatte sich nämlich auf die Suche nach dem Nacktdouble gemacht – aber dann die falsche Frau vergewaltigt und erdrosselt. 
 
Gerade die legendäre Duschszene ist also bis heute vielen Menschen unvergessen. Nachfolgefilme schlossen sich an: von 1983 bis 1990 „Psycho“ II, III und IV erneut mit Anthony Perkins. In den letzten Jahren konnte endlich auch das krasse ungekürzte Original der Duschszene gezeigt werden. In weiteren Filmen und Musikstücken gab es unzählige Hommagen. Aber kein Produkt kam mehr heran an die Kunst des Films von 1960. Der in seiner Schlüsselszene die gekrümmten Finger einer jungen Frau in einer Dusche zeigte, wie sie langsam über eine weiße Kachelwand herunterrutschten.
 

Der Artikel erschien am 13. Juni 2020 in: General-Anzeiger Bonn, Journal.
Foto: Bonner Stadtschreiber Thomas de Padova (Ebba Hagenberg-Miliu)


Stadtschreiber. Oder der Blick von außen

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Seit 1974 werden in Deutschland die Ämter von modernen Stadtschreibern ausgeschrieben. Wie auch aktuell trotz Corona-Krise wieder in Bonn

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Wer der erste Stadtschreiber Deutschlands war? Der bekannte Schriftsteller Wolfgang Koeppen. Das heißt, als der mit dem Roman „Tauben im Gras“ bekannt gewordene Autor am 30. August 1974 das Literaturstipendium dieses frisch geschaffenen Amtes im hessischen Bergen-Enkheim entgegennahm, sollte er nicht zum Kopieren von Verwaltungsakten verpflichtet werden. Das war Jahrhunderte früher von Stadtschreibern erwartet worden. Das neue symbolische Amt sollte talentierten Schriftstellern ermöglichen, ein Jahr lang ohne materielle Not schreiben zu können: und zwar in einer kostenfreien Wohnung vor Ort und mit monatlich 1.500 DM. Dafür hatte der Enkheimer Bürger Franz Joseph Schneider, selbst Autor der berühmten „Gruppe 47“, gesorgt. Koeppens prekäre finanzielle Situation war in Künstlerkreisen bekannt.  

Gleichzeitig sollte das neue Amt aber 1974 auch verhindern, dass die Kleinstadt nach der kurz darauffolgenden Eingemeindung nach Frankfurt in der Anonymität versank. Und auch die Stadt Frankfurt selbst konnte hohe Erwartungen an das Amt knüpfen. Kam doch so Jahr für Jahr die Crème de la Crème deutscher Schriftsteller an den Main: von Peter Härtling über Jurek Becker, Günter Kunert, Ulla Hahn und Katja Lange-Müller bis zur Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. Heute wird das renommierteste deutsche Stadtschreiberamt von einer Kulturgesellschaft und der städtischen Wirtschaftsförderung Frankfurts mit 20.000 Euro Preisgeld ausgestattet. Großstadt-Leseauftritte sind garantiert. Selbst der Bonner Thomas Melle erklärte nach 2018, er habe im Enkheimer Stadtschreiberhaus nahe den Streuobstwiesen Zeit gefunden, sich selbst zu spüren. Offensichtlich bietet das Projekt eine Win-win-Situation für alle.

Die streben seit 1974 auch zahlreiche andere Städte an. Ganzjährige bis mehrmonatige Stipendien werden inzwischen u.a. in Mainz, Dresden, Erfurt, Halle Stuttgart, Tübingen und seit 2018 auch in Bonn geboten. Wobei sich das Verhältnis der jeweiligen Stadtschreiber zu ihren Gaststädten, das heißt die Erwartungshaltung von Literaten und Geldgebern, nicht immer nur stimmig entwickelt. Deutschlands erster Stadtschreiber Wolfgang Koeppen etwa, ein notorischer Eigenbrötler, ließ sich im August 1974 nur mürrisch auf der Vorstellungsfeier blicken. Während sein Laudator, Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, den Saal huldvoll grüßte, murrte Koeppen, er wolle nicht „wie ein schlechter Schauspieler angestarrt“ werden. Haben sich die Bergen-Enkheimer da nicht einen Eulenspiegel ins Haus geholt, folgerte die Presse. Mit der Folge, dass Koeppen, der selbst erklärte „Stadtnarr“, über Wochen verschwand und erst im Nachhinein versöhnliche Worte fand: Der Preis von Bergen-Enkheim werde nicht von einer Institution verliehen: „Es geben ihn Menschen.“

Das trifft seit 1985 auf den zweiten sehr bekannten deutschen Stadtschreiberposten, den in Mainz, eher indirekt zu. Die Sender ZDF und 3sat sowie die Landeshauptstadt selbst dotieren ihn mit 12.500 Euro und gewähren Wohnrecht sowie die Produktion einer TV-Dokumentation – ein attraktives Angebot, das prominente Autoren wie Gabriele Wohmann, Günter Kunert, Ilija Trojanow, Josef Haslinger und derzeit Eugen Ruge schon genutzt haben. Etwa bei der Einsetzung von Eva Menasse („Vienna“) 2019 formulierte das ZDF seinen Anspruch auch ganz klar: „Mit zunehmender Radikalisierung und dem Vormarsch eindimensionalen Denkens brauchen wir eine politisch engagierte Stadtschreiberin.“ Sich öffentlich einmischen? Das erfüllte  Menasse bekanntlich mit Herzblut.

Fühlbar „von Menschen vergeben“ wird das Stadtschreiberamt auf jeden Fall von kleineren Städten. In Bonn etwa hat Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger zwar die Schirmherrschaft über das 2018 gestartete Projekt übernommen. Angeschoben haben es aber Bürger im Verein LeseKultur Godesberg. Dank des jährlich verliehenen Ferdinande-Boxberger-Preises kann der Verein ab September erneut insgesamt 7.500 Euro für drei Monate ausschütten. „Unsere Stadtschreiber sollen vor Ort bei kostenfreier Unterbringung ohne finanziellen Druck an neuen Texten arbeiten können“, sagt Initiatorin Barbara Ter-Nedden. Im Kampf gegen das Coronavirus sei der Kulturbetrieb leider zum Stillstand gekommen. „Doch gerade Schriftsteller müssen in Zeiten der Pandemie unterstützt werden“, schließt sie an die Ziele des legendären Preises von Bergen-Enkheim an.

Thomas de Padova (“Nonna“), den letztjährigen Bonner Stadtschreiber, freut das. „Dass die Stadtschreiberschaft in Bonn auch in dieser für Buchhandlungen und Autoren schwierigen Zeit fortgesetzt werden kann, ist ein ermutigendes Zeichen“, meldet er sich aus Berlin. Er hat sich in seiner Amtszeit viel am Rhein, in Ausstellungen, bei Lesungen und in Schulen „herumgetrieben“ und am kommenden Renaissance-Buch gearbeitet. Das Amt sei ein Zeichen dafür, dass Literatur ein wichtiger Bestandteil des Lebens in einer Stadt sei, ergänzt Ter-Nedden. Zudem betrachte der Stadtschreiber seine „Gastgeberin“ mit dem unverstellten Blick von außen, führt die Buchhändlerin aus. „Für die kulturelle Weiterentwicklung einer Stadt ist es doch wichtig zu wissen, was Außenstehende von ihr denken.“

Was auch Bonns erste Stadtschreiber Julia von Lucadou („Die Hochhausspringerin“) unterstreicht. 2018 sei sie „aktiver Teil dieser Stadt, eine Ameise im Ameisengewimmel, eine spazierende Figur am Rheinufer, eine Besucherin, eine Vorlesende, eine Gesprächspartnerin“ gewesen. Sie selbst habe hier viel Inspiration erhalten. Bad Godesberg werde im nächsten Roman eine Rolle spielen. „Ich fand es einen faszinierenden, historisch und gesellschaftlich spannenden Ort“, sagt von Lucadou. Das Stipendium sei „ein Segen“ gewesen. Es habe ihr „einen Ankerpunkt“ gegeben. Einen Ort, an dem sie ganz in ihren neuen Roman eintauchen konnte. „Ich denke oft zurück an meine Spaziergänge am Rheinufer, bei denen meine Gedanken an Assoziationsketten entlang hüpften, und danach meine Schreibklausur im hellen Wintergarten der Stadtschreiberwohnung, wo der Text und die Figuren jeden Tag ein Stück weiter wuchsen und Gestalt annahmen.“  


Der Artikel erschien am 6. Juni 2020 in: General-Anzeiger Bonn, Journal.
Foto: Bonner Stadtschreiber Thomas de Padova (Ebba Hagenberg-Miliu)

Genitalbeschneidung: Verstümmelung von Körper und Seele

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Ein Fluch für 200 Millionen Frauen: Die Bonner Regisseurin Beryl Magoko hat einen ergreifenden Dokumentarfilm über ihre eigene Genitalbeschneidung gedreht

Von Ebba Hagenberg-Miliu

 

Die entscheidende Aussprache mit ihrer Mutter gelingt Beryl Magoko erst am letzten Tag ihres Familienbesuchs. Die Mittdreißigerin ist für ihren Dokumentarfilm „In Search“ in ihrem kenianischen Heimatdorf auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit gegangen. Das Gespräch mit der Mutter über das beider Leben bestimmende Tabuthema Beschneidung führt die Tochter aber erst vor der Abreise. Und zwar beim gemeinsamen Erbsenauslesen. Ob sie denn wisse, dass es Frauen gebe, die Jahrzehnte nach ihrer Beschneidung mit einer Operation ihr Geschlecht zurückbekommen, fragt die Tochter die Mutter plötzlich. Sofort blickt die Ältere auf. Um die beiden Frauen, die eine Mahlzeit vorbereiten, hupfen in dieser Schlüsselszene gackernde Hühner. 

 

„Auch ich habe diese Operation machen lassen“, schiebt die Tochter hinterher und versucht den Blick der Mutter zu fangen. Die reagiert besorgt. Ob sie noch Sc